Die Abgrenzung
Wo Integration aufhört und Entwicklung anfängt.
Automatisierungsprojekte bestehen zu einem großen Teil aus Integration. Roboter, Steuerung, Greifer, Sensorik und Bildverarbeitung kommen von Herstellern, die Zelle wird geplant, verkabelt und programmiert. Das ist anspruchsvolle Ingenieurarbeit, aber der Lösungsweg ist bekannt. Damit fehlt die technische Unsicherheit.
Förderfähig wird es dort, wo ein Verhalten erst im Versuch geklärt werden konnte. Ein Greifproblem bei schwer handhabbaren Teilen. Eine Bahnplanung, deren Genauigkeit unter Last offen war. Eine Sensorfusion, deren Erkennungsrate in realer Umgebung nicht vorhersehbar war. Der Prüfstand oder die Testzelle ist hier fast immer der Nachweis.
Ein häufiger Grenzfall ist die Taktzeit. Eine Zelle schneller zu machen ist Optimierung, solange der Weg bekannt ist. Wenn dagegen ein Zielwert erreicht werden musste, den bekannte Kinematik und Prozessführung nachweislich nicht hergaben, kann daraus ein Entwicklungsvorhaben werden. Entscheidend sind Ausgangswert, Zielwert und Messreihe.
Auch hier gilt: bewusst abgrenzen. Elektroplanung, Verkabelung, SPS-Programmierung nach Vorgabe, Aufbau, Inbetriebnahme, CE-Erklärung und Bedienerschulung gehören zum Auftrag, sind aber nicht der förderfähige Kern. Ein Antrag, der die Erprobungsphase klar herausarbeitet, ist prüffähiger als einer, der die gesamte Anlage einreicht.
Die drei Kriterien in der Automatisierung
Neuheit
Keine verfügbare Komponente, kein etabliertes Verfahren erfüllt die Anforderung. Der Stand der Technik ist mit Kennwert oder Referenzlösung benannt.
Technische Unsicherheit
Ob Genauigkeit, Erkennungsrate oder Taktzeit erreichbar sind, steht vor der Erprobung nicht fest. Projektdruck und Lieferzeiten zählen nicht.
Systematik
Hypothese, Versuchsaufbau, Messung, Iteration – nachvollziehbar in Messprotokollen, Regelparametern und Erprobungsständen.
Achtzehn Tätigkeiten
Was in Automatisierungsprojekten wie eingeordnet wird.
Die folgende Einordnung beschreibt typische Fälle. Maßgeblich ist immer das konkrete Vorhaben.
Tätigkeit
Befund
Worauf es ankommt
Nachweis
Entwicklung eines Greif- oder Handhabungsverfahrens für Teile, die mit verfügbarer Technik nicht sicher beherrschbar waren
Förderfähig
Bekannte Greifprinzipien müssen nachweislich gescheitert sein
Versuchsaufbau, Fehlerquoten, verworfene Konzepte
Entwicklung einer Regelungs- oder Bahnplanungslogik, deren Genauigkeit unter realer Last offen war
Förderfähig
Regelgüte oder Wiederholgenauigkeit müssen vorab unsicher gewesen sein
Regelparameter, Messschriebe, Iterationsstände
Entwicklung eines Sensorfusions- oder Wahrnehmungsverfahrens für unstrukturierte Umgebungen
Förderfähig
Erkennungsrate unter realen Bedingungen muss technisch ungelöst gewesen sein
Testdatensätze, Erkennungsraten, Störversuche
Entwicklung eines Verfahrens zur sicheren Mensch-Roboter-Kollaboration mit ungeklärtem Verhalten
Förderfähig
Reaktions- und Erkennungsverhalten müssen vorab offen gewesen sein
Sicherheitsmessungen, Szenarientests
Entwicklung eines Prozessverfahrens, dessen Prozessfenster in der Zelle unbekannt war
Förderfähig
Toleranz, Ausbeute oder Standzeit müssen offen gewesen sein
Versuchspläne, Prozessparameter, Ausschussquoten
Versuchszelle oder Funktionsmuster, die nach Erprobung verworfen wurden
Förderfähig
Scheitern schadet nicht – entscheidend sind Systematik und Dokumentation
Versuchsplan, Ergebnis, Abbruchentscheidung
Entwicklung eines eigenen Bildverarbeitungsverfahrens
Einzelfall
Nur wenn verfügbare Bibliotheken die Anforderung nachweislich nicht erfüllen
Vergleichsmessungen, Erkennungsraten
Taktzeitreduktion an einer bestehenden Anlage
Einzelfall
Nur wenn der Zielwert mit bekannter Kinematik und Prozessführung nicht erreichbar war
Ausgangs- und Zielwerte, Messreihen
Entwicklung einer eigenen Kinematik oder eines Endeffektors
Einzelfall
Nur wenn Steifigkeit, Genauigkeit oder Dynamik vorab nicht abgesichert werden konnten
Auslegungsrechnungen, Bauteilversuche
Autonome Navigation oder Flottensteuerung fahrerloser Systeme
Einzelfall
Nur wenn Lokalisierung oder Konfliktauflösung technisch ungelöst waren
Feldtestdaten, Fehleranalysen
Zustandsüberwachung und vorausschauende Instandhaltung
Einzelfall
Nur wenn das Erkennungsverfahren selbst entwickelt wurde und die Güte offen war
Testdatensätze, Erkennungsraten
Integration verfügbarer Roboter, Steuerungen und Komponenten zu einer Zelle
Nicht förderfähig
Integration ist kein Forschungsvorhaben, auch wenn die Zelle einmalig ist
—
SPS- und Robotersteuerungsprogrammierung nach vorgegebenem Ablauf
Nicht förderfähig
Umsetzung im Rahmen bekannter Lösungswege
—
Elektroplanung, Verkabelung, Schaltschrankbau und Aufbau
Nicht förderfähig
Auftragsabwicklung ohne Erkenntnisgewinn
—
Inbetriebnahme, Abnahme und Anlagenoptimierung im laufenden Betrieb
Nicht förderfähig
Umsetzung einer abgeschlossenen Auslegung
—
CE-Kennzeichnung, Risikobeurteilung und Sicherheitsnachweise
Nicht förderfähig
Regulatorische Pflicht, keine technische Unsicherheit
—
Anpassung einer bestehenden Zelle an ein neues Teilespektrum
Nicht förderfähig
Variantenpflege ohne neue technische Frage
—
Wartung, Störungsbehebung, Service und Bedienerschulung
Nicht förderfähig
Laufender Betrieb im Rahmen bekannter Lösungswege
—
Dieselbe Tätigkeit kann in einem Vorhaben förderfähig und in einem anderen Routine sein. Entscheidend ist nicht, was gemacht wurde, sondern ob zu Beginn offen war, ob es funktioniert.
Häufige Ablehnungsgründe
Woran Automatisierungsanträge typischerweise scheitern.
Anlagenprojekt statt Entwicklungsvorhaben
Der Antrag folgt dem Kundenauftrag, nicht der technischen Frage. Sobald Planung, Aufbau und Inbetriebnahme enthalten sind, liest die BSFZ eine Integrationsleistung.
Einmaligkeit mit Neuartigkeit verwechselt
Dass diese Zelle so noch nicht gebaut wurde, begründet keine Förderfähigkeit. Es fehlt die Aussage, welcher Lösungsweg unbekannt war.
Keine messbare Zielgröße
Ohne Ausgangswert und Zielwert für Taktzeit, Genauigkeit oder Erkennungsrate lässt sich technische Unsicherheit nicht belegen.
Erprobungsstunden nicht getrennt erfasst
Konstruktion, Programmierung, Versuch und Inbetriebnahme laufen im selben Projekt. Gleichmäßige Anteile über Monate hinweg sind ein bekanntes Prüfmuster.
Dokumentation
Die Testzelle ist der Nachweis.
Automatisierungsprojekte erzeugen viele Daten – nur meist für Abnahme und Betrieb, nicht für die Forschungszulage. Versuchsaufbauten, Messprotokolle, Regelparameter, Taktzeit- und Fehlerquotenmessungen sowie Erprobungsstände enthalten trotzdem fast alles, was BSFZ und Finanzamt brauchen.
Was fehlt, ist die Verbindung zur Fragestellung. Aus den Unterlagen muss hervorgehen, welches Verhalten unsicher war, welcher Zielwert galt, was der Versuch ergeben hat und welcher Ansatz warum verworfen wurde. Verworfene Aufbauten sind dabei oft aussagekräftiger als die finale Zelle.
Für rückwirkende Jahre gilt: Rekonstruktion ist möglich, aber sie braucht Anker in vorhandenen Artefakten und eine dokumentierte Methodik. Wo Erprobungs- und Inbetriebnahmestunden nie getrennt erfasst wurden, wird die Argumentation schnell dünn.
Was wir typischerweise auswerten
Versuchsaufbauten und Messprotokolle
Regelparameter und Programmstände
Taktzeit-, Genauigkeits- und Fehlerquotenmessungen
Rollen, Stundensätze und Personalstammdaten
Rechenbeispiel
Was ein Automatisierungsteam typischerweise erreicht.
Beispielrechnung zur Veranschaulichung. Der FuE-Anteil ergibt sich aus der konkreten Abgrenzung und der Zeiterfassung, nicht aus einer Pauschale. 42 % ist kein gesetzlicher Satz, sondern der rechnerische Effektivwert aus 35 % Fördersatz und dem Gemeinkostenzuschlag.
Branchenlogik allein reicht nicht.
GrantonomyOS
Die Einordnung ist der Anfang. Belastbar wird ein Antrag erst, wenn Projektstruktur, Stunden, Kosten und Dokumentation über Jahre zusammenpassen — und einer Prüfung standhalten.
Vorprüfung
Vorprüfung der Vorhaben gegen die drei Kriterien, bevor Aufwand entsteht.
Antrags-Copilot
Projektbeschreibungen für die BSFZ, aus euren technischen Artefakten hergeleitet.
Zeiterfassung
Stunden und Rollen nach GoBD-Grundsätzen, monatlich festgeschrieben.
Audit-Ready AI
Simulierte Prüfung vor der Einreichung: wo die Argumentation noch nicht trägt.
FAQ
Fragen zur Forschungszulage
bei Automatisierung und Robotik.
Ist der Bau einer Roboterzelle förderfähig?
In der Regel nicht. Die Kombination verfügbarer Komponenten ist Integration, auch wenn die Zelle einmalig ist. Förderfähig kann der Teil sein, in dem ein Greif-, Regel- oder Wahrnehmungsproblem erst im Versuch geklärt werden musste.