Die Abgrenzung
Wo Einführung aufhört und Entwicklung anfängt.
Logistikprojekte bestehen zu großen Teilen aus Einführung und Anpassung. Lagerverwaltungssysteme, Transportmanagement, Fördertechnik und Scanner kommen von Anbietern und werden konfiguriert. Das ist anspruchsvolle Projektarbeit, aber der Lösungsweg ist bekannt.
Förderfähig wird es dort, wo eine Zielgröße erst im Versuch geklärt werden konnte. Ein Optimierungsproblem, das mit verfügbaren Solvern in der geforderten Zeit nicht lösbar war. Eine Bedarfsprognose, deren Güte bei volatilen Daten offen war. Ein Kommissionier- oder Greifproblem bei schwer handhabbaren Artikeln.
Eine Zahl ist hier fast immer der Prüfstein. Wer Rechenzeit, Prognosefehler, Pickrate, Auslastung oder Fehlerquote benennen kann und zeigt, dass der Zielwert mit etablierten Verfahren nicht erreichbar war, hat die Grundlage für einen belastbaren Antrag.
Auch hier gilt: bewusst abgrenzen. Systemeinführung, Stammdatenpflege, Schnittstellenanbindung, Standortplanung, Schulung und Betrieb gehören zum Projekt, sind aber nicht der förderfähige Kern. Ein Antrag, der den experimentellen Teil klar herausarbeitet, ist prüffähiger als einer, der das gesamte Logistikprojekt einreicht.
Die drei Kriterien in Logistikprojekten
Neuheit
Kein verfügbares System, kein etabliertes Verfahren erfüllt die Anforderung. Der Stand der Technik ist mit Kennwert oder Referenzlösung benannt.
Technische Unsicherheit
Ob Rechenzeit, Prognosegüte oder Pickrate erreichbar sind, steht vor der Erprobung nicht fest. Projektdruck und Kosten zählen nicht.
Systematik
Hypothese, Versuch, Messung, Iteration – nachvollziehbar in Simulationsläufen, Messreihen und Testauswertungen.
Achtzehn Tätigkeiten
Was in Logistikprojekten wie eingeordnet wird.
Die folgende Einordnung beschreibt typische Fälle. Maßgeblich ist immer das konkrete Vorhaben.
Tätigkeit
Befund
Worauf es ankommt
Nachweis
Entwicklung eines Optimierungsverfahrens für Touren, Beladung oder Lagerplätze, das mit verfügbaren Solvern nicht lösbar war
Förderfähig
Die Rechenzeit- oder Qualitätsgrenze etablierter Verfahren muss belegt sein
Vergleichsläufe, Laufzeitmessungen, verworfene Ansätze
Entwicklung eines Prognoseverfahrens für Bedarf oder Auslastung mit vorab unsicherer Güte
Förderfähig
Der Prognosefehler muss benannt und offen gewesen sein
Backtests, Metrikverläufe, Datensatzversionen
Entwicklung eines Greif- oder Kommissionierverfahrens für schwer handhabbare Artikel
Förderfähig
Bekannte Greifprinzipien müssen nachweislich gescheitert sein
Versuchsaufbau, Pickraten, Fehlerquoten
Entwicklung einer Steuerungslogik für autonome Flurförderzeuge oder Flotten
Förderfähig
Lokalisierung oder Konfliktauflösung müssen technisch ungelöst gewesen sein
Feldtestdaten, Fehleranalysen, Iterationsstände
Entwicklung eines Erkennungsverfahrens für Artikel, Ladungsträger oder Zustände
Förderfähig
Erkennungsrate unter realen Bedingungen muss offen gewesen sein
Testdatensätze, Erkennungsraten, Störversuche
Versuchsreihe oder Pilotaufbau, die nach Auswertung verworfen wurden
Förderfähig
Scheitern schadet nicht – entscheidend sind Systematik und Dokumentation
Versuchsplan, Ergebnis, Abbruchentscheidung
Entwicklung eines Simulationsmodells für Materialfluss oder Netzwerkstruktur
Einzelfall
Nur wenn das Modell eine offene Frage klärt und nicht ein bekanntes Ergebnis bestätigt
Modellaufbau, Parametervariation, Abgleich mit Messung
Entwicklung einer Nachverfolgbarkeits- oder Sensorlösung für Transportketten
Einzelfall
Nur wenn Messgenauigkeit oder Übertragung unter realen Bedingungen ungeklärt waren
Feldmessungen, Ausfallraten
Entwicklung eines Verfahrens zur Verpackungs- oder Ladungsoptimierung
Einzelfall
Nur wenn Materialverhalten oder Packalgorithmus technisch ungelöst waren
Packversuche, Auslastungsmessungen
Automatisierung eines bislang manuellen Prozessschritts im Lager
Einzelfall
Nur wenn das Handhabungs- oder Fördertechnikproblem ungelöst war
Versuchsaufbau, Taktzeit- und Fehlerquotenmessungen
Entwicklung einer Echtzeit-Datenplattform für Logistikdaten
Einzelfall
Nur wenn Latenz oder Datenqualität technisch ungelöst waren
Lastmessungen, Fehlerquoten vorher und nachher
Einführung und Konfiguration von Lager-, Transport- oder ERP-Systemen
Nicht förderfähig
Umsetzung im Rahmen bekannter Lösungswege
—
Anbindung von Schnittstellen zu Kunden, Dienstleistern und Zollsystemen
Nicht förderfähig
Integration nach dokumentierter Spezifikation
—
Standort-, Netzwerk- und Kapazitätsplanung
Nicht förderfähig
Planungsarbeit ohne technischen Erkenntnisgewinn
—
Prozessoptimierung durch organisatorische Maßnahmen und Layoutänderung
Nicht förderfähig
Kein technisches Problem, sondern Ablaufgestaltung
—
Stammdatenpflege, Datenmigration und Reporting
Nicht förderfähig
Umsetzung vorhandener Anforderungen
—
Beschaffung, Aufbau und Inbetriebnahme von Fördertechnik
Nicht förderfähig
Integration verfügbarer Komponenten
—
Betrieb, Disposition, Wartung und Mitarbeiterschulung
Nicht förderfähig
Laufender Betrieb im Rahmen bekannter Lösungswege
—
Dieselbe Tätigkeit kann in einem Vorhaben förderfähig und in einem anderen Routine sein. Entscheidend ist nicht, was gemacht wurde, sondern ob zu Beginn offen war, ob es funktioniert.
Häufige Ablehnungsgründe
Woran Logistikanträge typischerweise scheitern.
Systemeinführung als FuE eingereicht
Die Einführung eines Lager- oder Transportmanagementsystems bindet große Kapazitäten, folgt aber einem bekannten Lösungsweg. Die BSFZ liest daraus Projektarbeit.
Keine messbare Zielgröße
Ohne Rechenzeit, Prognosefehler, Pickrate oder Auslastung mit Ausgangswert lässt sich technische Unsicherheit nicht belegen.
Organisatorische Verbesserung als technisches Problem
Kürzere Wege, bessere Disposition und neue Abläufe sind Prozessgestaltung, kein Entwicklungsvorhaben.
Erprobungsstunden nicht getrennt erfasst
Einführung, Konfiguration, Versuch und Betrieb laufen im selben Projekt. Gleichmäßige Anteile über Monate hinweg sind ein bekanntes Prüfmuster.
Dokumentation
Die Messreihen sind der Nachweis.
Logistikbetriebe erzeugen große Datenmengen – nur meist für Steuerung und Abrechnung, nicht für die Forschungszulage. Simulationsläufe, Versuchsaufbauten, Pick- und Fehlerquotenmessungen, Prognoseauswertungen und Testprotokolle enthalten trotzdem fast alles, was BSFZ und Finanzamt brauchen.
Was fehlt, ist die Verbindung zur Fragestellung. Aus den Unterlagen muss hervorgehen, welche Zielgröße unsicher war, was der Ausgangswert war, was der Versuch ergeben hat und warum ein Ansatz verworfen wurde. Verworfene Ansätze sind dabei oft aussagekräftiger als die produktive Lösung.
Für rückwirkende Jahre gilt: Rekonstruktion ist möglich, aber sie braucht Anker in vorhandenen Artefakten und eine dokumentierte Methodik. Wo Einführungs- und Erprobungsstunden nie getrennt erfasst wurden, wird die Argumentation schnell dünn.
Was wir typischerweise auswerten
Simulationsläufe und Optimierungsvergleiche
Versuchsaufbauten und Messprotokolle
Prognoseauswertungen und Fehlerquoten
Rollen, Stundensätze und Personalstammdaten
Rechenbeispiel
Was ein Logistik-Entwicklungsteam typischerweise erreicht.
Beispielrechnung zur Veranschaulichung. Der FuE-Anteil ergibt sich aus der konkreten Abgrenzung und der Zeiterfassung, nicht aus einer Pauschale. 42 % ist kein gesetzlicher Satz, sondern der rechnerische Effektivwert aus 35 % Fördersatz und dem Gemeinkostenzuschlag.
Branchenlogik allein reicht nicht.
GrantonomyOS
Die Einordnung ist der Anfang. Belastbar wird ein Antrag erst, wenn Projektstruktur, Stunden, Kosten und Dokumentation über Jahre zusammenpassen — und einer Prüfung standhalten.
Vorprüfung
Vorprüfung der Vorhaben gegen die drei Kriterien, bevor Aufwand entsteht.
Antrags-Copilot
Projektbeschreibungen für die BSFZ, aus euren technischen Artefakten hergeleitet.
Zeiterfassung
Stunden und Rollen nach GoBD-Grundsätzen, monatlich festgeschrieben.
Audit-Ready AI
Simulierte Prüfung vor der Einreichung: wo die Argumentation noch nicht trägt.
FAQ
Fragen zur Forschungszulage
in Logistik und Supply Chain.
Ist die Einführung eines Lagerverwaltungssystems förderfähig?
In der Regel nicht. Einführung und Konfiguration folgen einem bekannten Lösungsweg. Förderfähig kann der Teil sein, in dem ein Optimierungs-, Prognose- oder Handhabungsproblem erst im Versuch geklärt werden musste.