Die Abgrenzung
Wo Konstruktion aufhört und Entwicklung anfängt.
Maschinenbauer entwickeln ständig – nur selten unter diesem Namen. Vieles läuft als Projekt, Sonderanfertigung oder Kundenauftrag. Für die Forschungszulage zählt davon der Teil, in dem der technische Erfolg zu Beginn nicht feststand. Die Anpassung einer bekannten Baureihe an ein neues Lastenheft gehört in der Regel nicht dazu.
Entscheidend ist, ob eine Auslegung rechnerisch abgesichert werden konnte oder erprobt werden musste. Wenn eine Kinematik, ein Werkstoff, eine Fügeverbindung oder ein Prozessfenster erst im Versuch zeigte, ob die Anforderung erfüllbar ist, liegt technische Unsicherheit vor. Wenn Berechnung und Erfahrung das Ergebnis vorhersagen konnten, liegt sie nicht vor.
Der Sondermaschinenbau ist deshalb ein Grenzfall mit System. Jede Anlage ist neu, aber nicht jede Anlage ist neuartig. Die Frage lautet nicht, ob es diese Maschine schon gab, sondern ob der Weg zur Lösung bekannt war. Eine neue Kombination bewährter Komponenten ist Engineering, kein Forschungsvorhaben.
Auch hier gilt: bewusst abgrenzen. Fertigung, Montage, Inbetriebnahme, Dokumentation und Schulung gehören zum Auftrag, sind aber nicht der förderfähige Kern. Ein Antrag, der die Versuchsphase klar herausarbeitet, ist prüffähiger als einer, der das gesamte Kundenprojekt einreicht.
Die drei Kriterien im Maschinenbau
Neuheit
Keine verfügbare Baureihe, kein bekanntes Verfahren erfüllt die Anforderung. Der Stand der Technik ist benannt und es ist gesagt, an welcher Eigenschaft er scheitert.
Technische Unsicherheit
Ob die Auslegung trägt, steht vor dem Versuch nicht fest. Liefertermin, Budget und Kundendruck zählen nicht.
Systematik
Auslegung, Versuch, Messung, Konstruktionsänderung – nachvollziehbar in Berechnungsberichten, Prüfprotokollen und Musterständen.
Achtzehn Tätigkeiten
Was im Maschinenbau wie eingeordnet wird.
Die folgende Einordnung beschreibt typische Fälle. Maßgeblich ist immer das konkrete Vorhaben.
Tätigkeit
Befund
Worauf es ankommt
Nachweis
Entwicklung einer neuen Kinematik oder eines neuen Wirkprinzips, dessen Funktionsnachweis vorab nicht gesichert war
Förderfähig
Bekannte Konstruktionsprinzipien müssen nachweislich an der Anforderung gescheitert sein
Auslegungsrechnungen, Versuchsreihen, verworfene Konzepte
Entwicklung eines Fertigungsverfahrens für eine bislang nicht beherrschte Toleranz, Oberfläche oder Geometrie
Förderfähig
Das Prozessfenster muss vorab unbekannt gewesen sein
Versuchspläne, Messprotokolle, Prozessparameter
Einsatz eines neuen Werkstoffs oder einer neuen Werkstoffpaarung mit unsicherem Betriebsverhalten
Förderfähig
Das Verhalten unter Last, Temperatur oder Verschleiß muss offen gewesen sein
Materialprüfungen, Dauerlaufversuche, Schadensanalysen
Bau und Erprobung eines Funktionsprototyps oder Versuchsträgers zur Klärung einer offenen technischen Frage
Förderfähig
Der Prototyp muss der Klärung dienen, nicht der Kundenvorführung
Prüfstandsberichte, Messreihen, Konstruktionsstände
Entwicklung einer Steuerungs- oder Regelungslogik, deren Stabilität im Betrieb nicht vorhersehbar war
Förderfähig
Regelgüte oder Dynamik müssen vorab unsicher gewesen sein
Regelparameter, Messschriebe, Iterationsstände
Entwicklungsreihe, die nach Erprobung verworfen wurde
Förderfähig
Scheitern schadet nicht – entscheidend sind Systematik und Dokumentation
Versuchsplan, Ergebnis, Abbruchentscheidung
Simulation und Berechnung zur Auslegung einer Baugruppe
Einzelfall
Nur wenn die Simulation eine offene Frage klärt und nicht ein bekanntes Ergebnis bestätigt
Modellaufbau, Parametervariation, Abgleich mit Messung
Leichtbau- oder Materialsubstitution an bestehenden Baugruppen
Einzelfall
Nur wenn Festigkeit, Steifigkeit oder Lebensdauer vorab nicht abgesichert werden konnten
Vergleichsrechnungen, Bauteilversuche
Entwicklung einer Sonderanlage für eine neue Prozessaufgabe
Einzelfall
Kritisch bei Kombination bewährter Module, relevant bei ungeklärtem Prozessverhalten
Konzeptvergleich, Abnahmemessungen, Nacharbeitsstände
Automatisierung eines bislang manuellen Prozessschritts
Einzelfall
Nur wenn Greif-, Füge- oder Handhabungsproblem technisch ungelöst war
Versuchsaufbau, Taktzeit- und Fehlerquotenmessungen
Reduktion von Energieverbrauch, Emission oder Geräusch an einer bestehenden Maschine
Einzelfall
Nur wenn der Zielwert zu Beginn als nicht sicher erreichbar galt
Ausgangs- und Zielwerte, Messprotokolle
Anpassung einer bekannten Baureihe an ein Kundenlastenheft
Nicht förderfähig
Engineering im Rahmen bekannter Lösungswege
—
Konstruktion nach Kundenvorgabe ohne eigene technische Fragestellung
Nicht förderfähig
Auftragsarbeit, kein Erkenntnisgewinn
—
Kombination verfügbarer Zukaufkomponenten zu einer neuen Anlage
Nicht förderfähig
Integration ist kein Forschungsvorhaben, auch wenn die Anlage einmalig ist
—
Fertigung, Montage und Inbetriebnahme
Nicht förderfähig
Umsetzung einer abgeschlossenen Konstruktion
—
Erstellung von CE-Dokumentation, Risikobeurteilung und Betriebsanleitung
Nicht förderfähig
Regulatorische Pflicht, keine technische Unsicherheit
—
Nachbau, Ersatzteilkonstruktion und Retrofit ohne neue technische Frage
Nicht förderfähig
Wiederholung bekannter Lösungen
—
Wartung, Instandsetzung, Service und Kundenschulung
Nicht förderfähig
Laufender Betrieb im Rahmen bekannter Lösungswege
—
Dieselbe Tätigkeit kann in einem Vorhaben förderfähig und in einem anderen Routine sein. Entscheidend ist nicht, was gemacht wurde, sondern ob zu Beginn offen war, ob es funktioniert.
Häufige Ablehnungsgründe
Woran Maschinenbau-Anträge typischerweise scheitern.
Kundenprojekt statt Entwicklungsvorhaben
Der Antrag folgt dem Auftrag, nicht der technischen Frage. Sobald Fertigung, Montage und Inbetriebnahme enthalten sind, liest die BSFZ eine Auftragsabwicklung.
Einmaligkeit mit Neuartigkeit verwechselt
Dass es diese Maschine so noch nicht gab, begründet keine Förderfähigkeit. Es fehlt die Aussage, welcher Lösungsweg unbekannt war.
Keine Versuchsdokumentation
Die Unsicherheit wird behauptet, aber es fehlen Prüfprotokolle, Messreihen oder verworfene Konstruktionsstände aus dem Projektzeitraum.
Konstruktionsstunden pauschal angesetzt
Gleichmäßige Anteile über Monate hinweg sind ein bekanntes Prüfmuster. Die Zeiterfassung muss den tatsächlichen Verlauf zwischen Auslegung, Versuch und Serienarbeit abbilden.
Dokumentation
Die Versuche sind der Nachweis.
Maschinenbauer dokumentieren in der Regel sehr gründlich – nur selten mit Blick auf die Forschungszulage. Berechnungsberichte, Konstruktionsstände, Prüf- und Messprotokolle, Versuchsreihen und Musterdokumentation enthalten fast alles, was BSFZ und Finanzamt brauchen.
Was fehlt, ist die Verbindung zur Fragestellung. Aus den Unterlagen muss hervorgehen, welche Auslegung unsicher war, welcher Zielwert galt, was der Versuch ergeben hat und warum ein Konstruktionsstand verworfen wurde. Verworfene Stände sind dabei oft aussagekräftiger als der finale.
Für rückwirkende Jahre gilt: Rekonstruktion ist möglich, aber sie braucht Anker in vorhandenen Artefakten und eine dokumentierte Methodik. Wo Versuchsergebnisse nur in Köpfen oder Laborheften liegen, wird die Argumentation schnell dünn.
Was wir typischerweise auswerten
Auslegungs- und Berechnungsberichte
Konstruktionsstände und Änderungsverläufe
Prüfprotokolle, Messreihen und Prüfstandsdaten
Rollen, Stundensätze und Personalstammdaten
Rechenbeispiel
Was ein Konstruktionsteam typischerweise erreicht.
Beispielrechnung zur Veranschaulichung. Der FuE-Anteil ergibt sich aus der konkreten Abgrenzung und der Zeiterfassung, nicht aus einer Pauschale. 42 % ist kein gesetzlicher Satz, sondern der rechnerische Effektivwert aus 35 % Fördersatz und dem Gemeinkostenzuschlag.
Branchenlogik allein reicht nicht.
GrantonomyOS
Die Einordnung ist der Anfang. Belastbar wird ein Antrag erst, wenn Projektstruktur, Stunden, Kosten und Dokumentation über Jahre zusammenpassen — und einer Prüfung standhalten.
Vorprüfung
Vorprüfung der Vorhaben gegen die drei Kriterien, bevor Aufwand entsteht.
Antrags-Copilot
Projektbeschreibungen für die BSFZ, aus euren technischen Artefakten hergeleitet.
Zeiterfassung
Stunden und Rollen nach GoBD-Grundsätzen, monatlich festgeschrieben.
Audit-Ready AI
Simulierte Prüfung vor der Einreichung: wo die Argumentation noch nicht trägt.
FAQ
Fragen zur Forschungszulage
im Maschinenbau.
Ist Konstruktion förderfähig?
Nicht pauschal. Förderfähig ist der Teil, in dem die Auslegung nicht rechnerisch abgesichert werden konnte und erprobt werden musste. Konstruktion nach bekanntem Lösungsweg ist Engineering.